In diesem Ratgeber erfahren Sie, welche Datenquellen sich eignen, wie Sie Ein- und Ausschlusskriterien festlegen, was beim Datenschutz und beim Ethikvotum zu beachten ist, welche Verzerrungen typisch sind und wie die Auswertung gelingt.
Was eine retrospektive Studie ausmacht
Bei einer retrospektiven Studie blicken Sie zurück: Sie werten Daten aus, die bereits im Rahmen der Routineversorgung oder früherer Erhebungen dokumentiert wurden. Die Fragestellung entsteht also, nachdem die Ereignisse stattgefunden haben. Typische Designs sind retrospektive Kohortenstudien, Fall-Kontroll-Studien oder deskriptive Auswertungen einer Patientengruppe über einen bestimmten Zeitraum.
Ein Beispiel aus der Unfallchirurgie: Sie vergleichen Komplikationsraten nach zwei verschiedenen Osteosyntheseverfahren bei proximalen Femurfrakturen anhand der OP-Berichte und Verlaufsdokumentation der vergangenen Jahre. Oder aus der Onkologie: Sie untersuchen, ob bestimmte Laborparameter bei Diagnosestellung mit dem Gesamtüberleben zusammenhängen. Einen Überblick über die übrigen Formen der Dissertation finden Sie im Ratgeber Arten der medizinischen Doktorarbeit.
Geeignete Datenquellen
Die Qualität Ihrer Arbeit steht und fällt mit den Daten. Prüfen Sie deshalb vor dem Start, welche Quellen zur Verfügung stehen und wie vollständig sie sind.
- Patientenakten und Krankenhausinformationssystem: Diagnosen, Arztbriefe, Verlaufsdokumentation, Medikation
- OP-Berichte und Anästhesieprotokolle: Eingriffsart, Dauer, intraoperative Komplikationen
- Laborsysteme: Blutwerte, Mikrobiologie, Pathologiebefunde
- Bildgebung: radiologische Befunde und Bilddaten, etwa aus CT, MRT oder Röntgen
- Klinische Register: zum Beispiel Tumor-, Trauma- oder Implantatregister, sofern ein Zugang möglich ist
- Bestehende Studiendatenbanken: Daten aus früheren Projekten der Arbeitsgruppe
Tipp: Ziehen Sie vor der eigentlichen Erhebung eine kleine Stichprobe von Akten und prüfen Sie, ob die benötigten Variablen dort tatsächlich dokumentiert sind. So merken Sie früh, ob ein Wert fehlt, nur als Freitext vorliegt oder nach einem Systemwechsel nicht mehr abrufbar ist.
Ein- und Ausschlusskriterien festlegen
Klare Kriterien bestimmen, welche Fälle in Ihre Studie gehören. Sie müssen vor der Datenerhebung feststehen und in der Methodik nachvollziehbar beschrieben werden. Typische Einschlusskriterien sind eine bestimmte Diagnose, ein definierter Behandlungszeitraum, eine bestimmte Therapie oder ein Mindestalter. Ausschlusskriterien können etwa fehlende Nachbeobachtung, eine Vorbehandlung an einem anderen Haus oder bestimmte Begleiterkrankungen sein.
Wichtig ist, dass die Kriterien zur Fragestellung passen und nicht im Nachhinein angepasst werden, um ein gewünschtes Ergebnis zu erhalten. Dokumentieren Sie außerdem, wie viele Fälle Sie aus welchem Grund ausgeschlossen haben. Ein Flussdiagramm von der Gesamtzahl der gefundenen Fälle bis zur endgültigen Studienpopulation macht das übersichtlich.
Legen Sie zusätzlich fest, wie Sie mit fehlenden Werten umgehen. Ob Sie Fälle mit unvollständigen Angaben ausschließen, nur für einzelne Analysen herausnehmen oder statistische Ersatzverfahren nutzen, beeinflusst das Ergebnis und sollte vorab mit der Betreuung abgestimmt werden. Ein kurzes Datenwörterbuch, in dem jede Variable mit Definition, Quelle und möglichen Ausprägungen beschrieben ist, hilft dabei und macht die Erhebung auch für Dritte nachvollziehbar.
Datenschutz und Ethikvotum
Auch wenn Sie keine Patienten neu untersuchen, arbeiten Sie mit besonders schützenswerten Gesundheitsdaten. Welche Regeln im Einzelnen gelten, hängt von der Rechtslage, den Vorgaben Ihrer Klinik und den Anforderungen Ihrer Fakultät ab. Einige Grundsätze gelten jedoch fast überall:
- Daten werden so früh wie möglich pseudonymisiert oder anonymisiert, Identifikationslisten werden getrennt und gesichert aufbewahrt.
- Es werden nur die Daten erhoben, die für die Fragestellung tatsächlich nötig sind.
- Gespeichert wird auf gesicherten Systemen der Klinik, nicht auf privaten Geräten oder in frei zugänglichen Cloud-Diensten.
- Die Datenschutzbeauftragten des Hauses werden bei Unklarheiten einbezogen.
Ob für eine retrospektive Auswertung ein Votum der zuständigen Ethikkommission nötig ist oder eine Beratung genügt, regeln die Kommission und die Fakultät unterschiedlich. Viele Fakultäten verlangen eine Einbindung der Ethikkommission vor Beginn der Datenerhebung. Holen Sie diese Klärung unbedingt im Voraus ein, denn eine nachträgliche Genehmigung ist häufig nicht möglich. Ausführliche Hinweise dazu bietet der Ratgeber zum Ethikvotum für die Doktorarbeit.
Typische Verzerrungen (Bias) und wie Sie damit umgehen
Retrospektive Daten wurden nicht für Ihre Studie erhoben. Daraus ergeben sich Schwächen, die Sie kennen und in der Diskussion offen ansprechen sollten.
Selektionsbias
Die untersuchte Gruppe ist möglicherweise nicht repräsentativ, etwa weil ein Zentrum vor allem schwere Fälle behandelt oder weil Patienten mit unvollständiger Dokumentation ausgeschlossen werden müssen.
Informationsbias
Dokumentation ist nicht immer einheitlich. Unterschiedliche Ärzte beschreiben Befunde unterschiedlich, Werte fehlen oder wurden zu verschiedenen Zeitpunkten erhoben. Ein klar definierter Erhebungsbogen mit eindeutigen Kategorien reduziert diese Probleme.
Confounding
Wenn sich die Vergleichsgruppen schon vor der Behandlung unterscheiden, etwa in Alter, Begleiterkrankungen oder Krankheitsschwere, kann ein beobachteter Unterschied darauf zurückgehen und nicht auf die untersuchte Therapie. Statistische Verfahren wie multivariable Regressionsmodelle können solche Einflüsse teilweise berücksichtigen, aber nie vollständig ausschließen.
Die Auswertung planen
Je früher Sie die Auswertung durchdenken, desto gezielter erheben Sie Ihre Daten. Legen Sie vor der Erhebung fest, welche Hauptfragestellung Sie beantworten wollen, welche Variablen dafür nötig sind und welche statistischen Verfahren infrage kommen. Häufig beginnt die Auswertung mit einer deskriptiven Darstellung der Studienpopulation. Darauf folgen Gruppenvergleiche, je nach Datenlage mit parametrischen oder nichtparametrischen Tests, Regressionsanalysen oder bei Verlaufsdaten Überlebenszeitanalysen, etwa mit Kaplan-Meier-Kurven.
Für die Berichterstattung von Beobachtungsstudien hat sich die STROBE-Checkliste etabliert, an der Sie sich beim Aufbau von Methodik und Ergebnisteil orientieren können. Mehr zur Wahl der Verfahren lesen Sie im Ratgeber Statistik in der medizinischen Doktorarbeit.
Vor- und Nachteile im Überblick
Ob eine retrospektive Studie zu Ihnen passt, hängt von Ihrem Ziel, Ihrer Zeit und der verfügbaren Datenlage ab.
Vorteile
- Die Daten sind bereits vorhanden, eine Patientenrekrutierung entfällt.
- Die Arbeit lässt sich flexibler in den Klinikalltag einbauen.
- Auch seltene Erkrankungen oder lange Verläufe lassen sich untersuchen.
- Der Zeitrahmen ist in vielen Fällen besser planbar als bei prospektiven oder experimentellen Arbeiten.
Nachteile
- Die Datenqualität können Sie nicht beeinflussen.
- Kausale Aussagen sind nur eingeschränkt möglich.
- Die Datenextraktion ist oft mühsamer als erwartet.
- Die Verzerrungsrisiken müssen sorgfältig diskutiert werden.
Checkliste vor dem Start
- Fragestellung präzise formuliert und mit der Betreuung abgestimmt
- Datenquellen identifiziert und an einer Stichprobe auf Vollständigkeit geprüft
- Ein- und Ausschlusskriterien schriftlich festgelegt
- Erhebungsbogen mit eindeutigen Variablen und Kategorien erstellt
- Ethikkommission einbezogen und Datenschutzkonzept geklärt
- Annahme als Doktorandin oder Doktorand an der Fakultät erfolgt
- Statistische Auswertung vorab geplant
Fazit
Eine retrospektive Studie ist für viele Medizinerinnen und Mediziner ein guter Weg zur Promotion, weil sie sich vergleichsweise flexibel neben der Klinik umsetzen lässt. Ihr Erfolg hängt jedoch an der Vorbereitung: an einer klaren Frage, verlässlichen Datenquellen, sauberen Kriterien, frühzeitig geklärten Formalien und einer durchdachten Auswertung. Wer die typischen Verzerrungen kennt und offen diskutiert, legt eine Arbeit vor, die auch kritischen Gutachtern standhält.
Häufige Fragen zur retrospektiven Doktorarbeit
Brauche ich für eine retrospektive Studie ein Ethikvotum?
Das hängt von der zuständigen Ethikkommission und der Promotionsordnung Ihrer Fakultät ab. Viele verlangen auch bei retrospektiven Auswertungen eine Einbindung der Ethikkommission. Klären Sie das vor Beginn der Datenerhebung.
Wie viele Fälle braucht eine retrospektive Doktorarbeit?
Eine allgemeingültige Zahl gibt es nicht. Die nötige Fallzahl ergibt sich aus der Fragestellung, der erwarteten Effektgröße und den geplanten statistischen Verfahren. Eine Fallzahlüberlegung mit der Betreuung oder einer statistischen Beratung ist sinnvoll.
Darf ich Daten aus einer früheren Klinik verwenden?
Das ist nur möglich, wenn die dortige Klinik zustimmt und die datenschutzrechtlichen sowie ethischen Voraussetzungen erfüllt sind. Klären Sie das mit der Klinikleitung, den Datenschutzbeauftragten und Ihrer Betreuung, bevor Sie Daten erheben.
Ist eine retrospektive Arbeit weniger wert als eine experimentelle?
Nein. Entscheidend sind eine relevante Fragestellung, eine saubere Methodik und eine kritische Diskussion. Viele wichtige klinische Erkenntnisse stammen aus gut gemachten retrospektiven Auswertungen.
Wenn Sie Ihre Daten bereits gesammelt haben, aber bei der Auswertung oder beim Schreiben nicht weiterkommen, unterstützen wir Sie bei der statistischen Auswertung und auf Wunsch bei der gesamten Erstellung Ihrer medizinischen Doktorarbeit.